Zeitloser Klassiker & standardschaffendWenn an irgendeiner Stelle in der Spielegeschichte das Wiederaufkeimen der Rollenspiele gekennzeichnet wird, dann wird die Marke im Jahr 1998 gesetzt. Da erschien nämlich 'Baldur's Gate', nun ein Klassiker. Im Folgenden kommt mein eigener Testbericht mit eigenen Thesen zur Bedeutung des Spiels. Denn: Der Erstling der 2 1/2-teiligen Saga setzte einige Standards, ist aber von seiner Sache doch irgendwie auch anders als alle folgenden Produkte die es inspiriert und beeinflusst hat. Einen kleinen Bonus bescherte BioWare sicher die Dungeons & Dragons-Lizenz, die ihnen durch die Mithilfe Interplays, dem Publisher, ermöglichte ihre Geschichte in der bekannten Welt der Vergessenen Reiche spielen zu lassen. Damit basiert 'Baldur's Gate' auf einer jahrzehntelang ausgebauten Spielwelt aus dem Pen & Paper-Bereich und lenkte die Aufmerksamkeit also auch wieder auf D&D nachdem andere Titel in der Spielwelt verhunzt wurden (z.B. 'Descent To Undermountain' von 1996).
Die Geschichte von Baldur's Gate bezieht sich auf den vernichteten Mordgott Bhaal. In den Vergessenen Reichen (eine von vielen Spielwelten von D&D) gehören die Götter zum Alltag und man ist sich ihrer Macht bewusst. Diverse Rivalitäten untereinander sorgen auch mal für das eine oder andere Ableben. Dies geschah in der Zeit der Sorgen, auch eine wichtige Geschichtskomponente der Spielwelt, die aber in der BG-Saga keine Rolle spielt. Im folgenden nimmt es BG mit vielerlei Sachen nicht unbedingt allzu genau mit den Vorgaben der Spielwelt und muss sich auch heute noch mancher Kritik vom D&D-Kenner aussetzen. Inwieweit man also zu BioWares eigene Interpretationen steht, bleibt einem selbst überlassen.
Aufgegriffen wird also Bhaal. Dieser sah seinen Tod voraus und verteilte sein Blut auf ein Haufen Kinder, quer über die Reiche verteilt. Wie sich im späteren Verlauf herausstellt, ist der Spielercharakter selber eines davon. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg.
Der Spieleinstieg gestaltet sich mit dem Generien eines eigenen Charakters. Für die jüngeren unter uns ist das mit der Charaktererstellung von Neverwinter Nights 2 vergleichbar, wenn BG1 jedoch noch das Regelwerk der 2. Edition von D&D benutzte und damit einige Dinge anders waren: Weniger beeinflussbar, der Stufenaufstieg gestaltete sich langsamer, war aber wirkungsvoller. Doch dazu später mehr.
Unser Charakter wächst behutsam in Kerzenburg auf, einem abgeschotteten Ort von Wissenssuchern an der Schwertküste. Der Rundgang im Hof gestaltet sich als Tutorial in der damals wieder entdeckten Isoperspektive. Heutzutage ist das Standard, was damals eine wundersame Neuerung war: Seinen Charakter, und auch später bis zu fünf weitere NPCs als Begleiter in der Gruppe, steuerte man wie in einem Echtzeitstrategiespiel. Das D&D-Regelwerk mit seinen Runden wurde darauf umgemünzt. Besonders toll war die jederzeit aktivierbare Pause, die es dem Spieler ermöglichte in Ruhe seine Kampfaktionen zu überlegen, Befehle zu verteilen und dann weiterzumachen. In brenzligen Situationen haute man wieder auf die Leertaste und überlegte, wie man weiter fortging. Der Schwierigkeitsgrad des Spiels ist auch heute noch eine Herausforderung. Schließlich war der Kampf gegen einen Oger in 'Baldur's Gate' um einiges nervenaufreibender, aber auch spannender und Freude bringender, als Gefechte gegen Dämonen im Nachfolger. Gewissermaßen Schuld daran war das D&D-Regelwerk, dass nunmal für die wenigen Trefferpunkte auf niedrigen Stufen sorgte und somit ein einzelner Schlag schonmal eines unser Gruppenmitglieder töten konnte.
Genau, töten. Nach dem Kampf wiederaufstehen wie bei NWN2 gab's dort zum Glück noch nicht und eine Wiederbelebung war schweineteuer bzw. zu Anfang schlichtweg nicht bezahlbar. Anno 2008 mag es nach Masochismus klingen so etwas gut gefunden zu haben, aber wenn man ein hartes Gefecht knapp übersteht und in den Überresten des Feindes ein cooles und vor allem nutzbringendes magisches Schwert findet, gehört das zu einen der vielen tollen Erlebnissen als Spiele noch forderten. Davon gab es in 'Baldur's Gate' viele.
Besagte Erlebnisse treten vor allen Dingen in der recht frei erkundbaren Welt zu Tage. Nachdem man seitens der Story hektisch mitsamt seines Ziehvaters Gorion aufgrund düsterer, geheimer Gründe Kerzenburg verlassen muss und jener dann von einem maskierten Krieger mitsamt zweier Oger getötet wird, steht man alleine in der Welt da. Lediglich Gefährtin Imoen, NPC Nummer 1 in der Gruppe, und der vage Hinweis man soll Gorions alte Freunde Khalid und Jaheira im "freundlichen Arm", einem Gasthaus, aufsuchen dienen als erste Anhaltspunkte. Die eigentliche Geschichte wird mit einer grassierenden Eisenseuche als Rahmenhandlung versehen. Transporte nach Norden, zur namensgebenden Handelsstadt Baldur's Tor, werden überfallen und diverse Eisenwaren, ob Waffen oder Rüstungen, halten nicht lange.
Hat man Jaheira und Khalid gefunden, kann man diese ebenfalls in die Gruppe mit aufnehmen und der Mysteriösität nachgehen. Aber auch andere potenzielle Gefährten untersuchen diese Sache. BG1 verfügt über ziemlich viele Gefährten von denen man einige in Teil 2 wiedertrifft. Es ist jedoch eine Fehlinformation von vielen BG-Beschreibungen, welche die großartigen NPC-Interaktionen loben. Sich einmischende NSCs gab es in Teil 1 noch nicht und kamen erst in Teil 2 als großartiges Feature dazu.
Etwas "besseres" als die Eisensache zu untersuchen kann man als Greenhorn auf den gefährlichen Straßen der Küste erstmal nicht anfangen. Wie es eine Geschichte mit Wendungen nunmal handhabt, kann man sich natürlich denken, dass die Sache mit dem Eisen und der Mord an Gorion nur ein Teil einer großen Verschwörung ist. Gerade beim 1. Teil der Reihe ist aber der Weg das Ziel.
Das bemerkt man schon beim Marsch zu Khalid und Jaheira. Mit einfacher Ausrüstung erwehrt man seiner Haut einfachem Monstern und Wölfe, trifft auf Reisende und erfährt von der Seuche. Auch auf diesem Gebiet war Baldur's Gate gewissermaßen wieder Grundstein für spätere Titel wie z.B. 'Morrowind'. So ist die Spielwelt relativ frei und kann gleich zu Beginn in die verschiedensten Richtungen erkundet werden. Manchmal steckt dort breite Wildnis mit nichts hinter, aber auch versteckte Dungeons können gefunden oder eine von vielen Nebenquests erfüllt werden. Zwar spielt das BG auf einzelnen Karten (so will es die Infinity-Engine), doch kann man diese meist in alle Himmelsrichtungen erkunden - je nachdem wohin es geht. Nur einzelne Orte werden erst mit Voranschreiten der Geschichte freigeschaltet. Es ist jedoch Vorsicht geboten! Man kann schonmal am falschen Ort zur falschen Zeit landen und von einer Horde Räuber gnadenlos niedergemetzelt werden. Solchen Feinden ist man am Anfang einfach nocht nicht gewachsen. Dies stellt gewissermaßen auch das Konzept der Charakterausbildung da: Nur mit Flucht in den Wald und der Hilfe Gorions überlebt man in der verhängnisvollen Nacht, nur mithilfe seiner Gefährten wird man stärker, um sich seinen Verfolgern zu stellen. Mit der Zeit nämlich treffen wird auf Kopfgeldjäger, finstere Magier oder gut organisierte Hobgoblins, die unser Lebenslicht auslöschen wollen. Und das geschieht nicht nur in der Hitze des Gefechts: Jemand macht aus ganz bestimmten Grund auf die eigene Gruppe Jagd.
Was mir bei dieser Charakterentwicklung besonders gefällt, ist die Lernkurve des Spiels. Spätere Nachfolgertitel, und auch 'Baldur's Gate 2', setzen bei dem Stärkerwerden ganz schön auf Vollgas. Soll heißen: Zu Anfang ist man der übliche Neuling/Schüler/Bauer und wird binnen weniger Wochen/Monate in der Spielwelt zu einer perfekten Kampfmaschine. In BG1 jedoch kann man gerade Mal 7-8 Stufen aufsteigen. Auch hier wird ein Teil der jüngeren Generation möglicherweise den Kopf schütteln. Die Idee dahinter funktioniert aber perfekt: Man freut sich wie ein Schneekönig bei einem Stufenaufstieg und "realistischer" wirkt es eben auch. Die gefundenen Gegenstände besitzen keine ultramächtigen Fähigkeiten, sind jedoch so rar und nützlich, dass man frohlockt wenn sie gefunden werden.
Man wird eben ein erfahrener Söldling, für den manche Räuberklingen jedoch immer noch ein Verhängnis werden kann. Auch der Heldenruhm bleibt dabei im gewissen Sinne episch ohne brachial mit Höllentoren und den größten Gefechten aller Zeiten aufzutragen. Man wird eine regional bekannte Persönlichkeit ohne gleich als neuer Weltenretter angebetet zu werden. Man kümmert sich um Intrigen, welche Landstriche außer Gefecht setzen können - aber eben nicht ganz Faerûn. Dies im Verbund mit der Spielwelt der Vergessenen Reiche (verschiedenste Geschichten über die ganzen anderen Regionen mit denen sich andere Spiele wie z.B. Icewind Dale beschäftigen können in Büchern gelesen werden) erzeugt einfach mehr Glaubwürdigkeit. In diesem Punkt erachte ich gerade Baldur's Gate 1 immer noch für die Referenz schlechthin. In der jüngeren Vergangenheit hat sich auch 'The Witcher' einer ähnlich dichten Ausarbeitung bedient, nur um mal ein weiteres Beispiel für einen BG-Unkundigen zu nennen.
Die Atmosphäre von 'Baldur's Gate' überzeugte damals aus grafischer Sicht ebenfalls. Heute gewinnt diese natürlich keinen Blumentopf mehr, doch besitzen die handgezeichneten Hintergründe desöfteren einen höheren Wohlfühl-Faktor als eine hochmoderne Grafikengine mit miesen Animationen der Spielfiguren. Ans Herz legen kann ich den Leuten hier nur den 'Baldur's Gate Trilogy'-Mod. Besitzt man beide Teile inklusive der Add-ons, so kann man auch 'Baldur's Gate' mit der stark verbesserten Infinity-Engine von Teil 2 sowie dessen Regelwerk spielen. Weil somit auch höhere Auflösungen möglich sind, ist das ganze noch eine Spur besser.
Soundtechnisch gesehen sorgte BG1 ebenfalls für schöne Gefühle. Die Musik passt einfach wunderbar und wird vom Nachfolger nochmals übertroffen. Komponiert hat beide Michael Hoenig, seinerseits übrigens deutscher Landsmann. Vielerorts existieren immer lustige Lager von Leuten, die überlegen ob nun die BG-Saga oder die Icewind Dale-Spiele den besseren Soundtrack haben. Die Qual der Wahl!
Man fragt sich angesichts mancher ernsthafter stellen und gar nicht mal so unjugendfreier Äußerungen von NPCs (nein, es ist nicht wirklich so schlimm ;) warum die deutsche Lokalisierung so verhunzt wurde. Auf textlicher Basis gibt es bis auf ein paar Fehler und fragwürdiger Übersetzungen aus der englischen D&D-Welt eigentlich nichts auszusetzen. Die Sprecher aber kommen mit übertrieben witzigen Sprüchen im bayerischen(!) und schwäbischen(!) daher. Der beliebte Satz "Moine Olde hat mir ganz scheen eingehoitzt" lässt einen in der einen oder anderen Runde herzhaft lachen, aber gerade wenn das eben nicht nur von irgendeinem Statisten, sondern einem der Hauptfiguren kommt, kann man nur den Kopf schütteln. Welche Leute waren da nur am Werk? Bei BioWare/Interplay muss man das auch bemerkt haben und zaubert dort im 2. Teil krass-gegensätzlich teilweise eine der besten Sprecher (Jon Irenicus als unangefochtenes Beispiel, der alte Paladin Keldorn Firecam oder Rüpelzwerg Korgan) für eine Lokalisierung aus dem Ärmel. Fragt man sich: Warum nicht gleich so bei Teil 1?
Hach, was gibt es denn noch zu sagen? Ebenfalls interessant ist der Multiplayermodus. Damit war BG1 auch Vorreiter und ist damit sogar heute noch auf einsamer Position. Den Multiplayermarkt im Rollenspiel-Genre haben schließlich (leider) die MMORPGs belegt. In BG1 übernimmt der Host der Runde den Hauptcharakter. Die anderen fünf Plätze in der Gruppe können von den jeweiligen Spielern belegt werden. Dann durchkämmt man so die Welt und folgt der Geschichte. NPCs können je nach Platz auch noch aufgenommen werden und werden dann von den entsprechenden Leuten gesteuert. Auch kann man die Charaktere unter sich aufteilen, womit dann beispielsweise bei 2 Spielern jeder jeweils 3 steuerbare Charaktere besitzt. Da ich das Glück hatte mal sowohl die BG- als auch die IWD-Saga mit einem Freund durchzuspielen, kann ich das nur empfehlen. Das ist schlichtweg ein Mordsgaudi über Monate hinweg! In BG1 allerdings lief das ganze noch nicht ganz so stabil und forderte immer Unterbrechungen bei jedem einzelnen Dialog. Bei Teil 2 wurde das aber zum Glück entfernt. Wer damals wie ich echtes Rollenspiel betreiben will, muss ebenfalls beachten, dass die Gruppe natürlich zusammenbleiben muss. Alle Charaktere müssen immer auf derselben Map bleiben.
Weiterhin gibt es wie oben erwähnt ein Add-on zu BG1, 'Legenden der Schwertküste', welches aber keines eigenen Tests bedarf. Zum einen erhöht dieses lediglich das Level-Cap, wodurch man mit weiterer gesammelter Erfahrung auch bis zur 10. Stufe gelangen kann. Auch gibt es neue Gebiete, die für die Hauptstory jedoch keine Relevanz besitzen. Dies sind im Prinzip große Quests, die sich unter anderem um Durlag's Turm drehen. Dies ist ein riesengroßer Dungeon mit mehreren Ebenen und eigener Hintergrundgeschichte, den man separat von der Hauptstory untersuchen kann.
Damals war man natürlich enttäuscht, dass die Story mit dem Add-on nicht weitergeführt wurde. Wenn man das Spiel neu beginnt, ist das ganze aus heutiger Sicht jedoch eine passende Sache für das Abenteuerleben.
Fazit:
Man kann einfach nicht abstreiten, dass 'Baldur's Gate' ein ganz großer Klassiker ist. Geschichte, Spielwelt und alles andere mögen einem vielleicht nicht gefallen, aber BG hat nunmal die Standards von modernen Rollenspielen gesetzt, worauf Teil 2 nochmal gehörig einen draufsetzte. Das gilt sowohl für Geschichte, Charaktere, Interaktionsmöglichkeiten, die Spielwelt, Sound und damals auch die Grafik. Heutzutage werden manche modernen Rollenspiele nicht einmal diesem alten Spiel gerecht, was manchmal einem zum denken über Qualität und Produktabnahme geben sollte. Hier besteht jedoch definitv eine Kaufempfehlung. Die 'Black Isle Compilation II' ist hier zu empfehlen, da diese nicht nur alle BG-Teile, sondern obendrein auch noch alle Icewind Dale-Titel mit sich bringt.
10/10
-Inherit Eternity
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen