Dienstag, 8. Januar 2008

Test: The Witcher


Linearer als Titel der letzten Zeit - und (sehr) gut so!

Zu recht wird 'The Witcher' auf zockertests.de als Überraschungshit geführt. Während der Test aus der Gamestar bei vielen deutschen Rollenspielern Unbehagen hervorgerufen hat (und nicht ganz zu unrecht wiedermal auf das Geschäft mit der Werbung und großen Publishern hinweist), bewerten viele Internetseiten das Spiel ebenfalls sehr gut: Eine gute Geschichte in einer Fantasy-Spielwelt, die jedoch mit zusehends guten und neueren Einfällen daherkommt. Und eben das durfte man in den letzten Jahren schmerzlich vermissen, während allerlei Titel eine große Welt mit weiter Handlungsfreiheit erstellen wollten und dann, meist zu Recht, in der Belanglosigkeit landeten/abstürzten.

Das Rollenspiel 'The Witcher' wurde besonders bei der Ankündigung als Action-Rollenspiel beschrieben. Und tatsächlich gibt es auch eine Menge zu metzeln. Doch zu einem Diablo verkommt das Spiel bei weitem nicht.
In der Rolle des Hexers Geralt von Riva wird die Spielfigur in der Festung Kaer Mohren in die Grundzüge seines Wesens neu eingeführt, nachdem dieser mit verlorenem Gedächtnis von anderen Hexern gefunden wird. Eine altbekannte Sache neu aufgewärmt möchte man meinen, doch erinnert man sich zurück: Wieviel Story boten Gothic 3 und Two Worlds, um einmal zwei große Titel im Konkurrenzfeld zu nennen? Es ist übrigens kein Kritikpunkt einen feststehenden Charakter zu spielen. Denn so kann die Geschichte sich gut um Geralts Person identifizieren. Man ist eben nicht einfach irgendein dahergelaufener Söldner, der wiedereinmal die Welt rettet.
Ja, es ist schon schön eine gute Story geboten zu bekommen. Und sie wird schon im Prolog besser und filmreif inszeniert: Eine Räuberbande (mehr eine kleine Armee) werden von einem Monster der Gattung Furchtbringer, bekannten Mörder mit dem Namen 'Der Professor' und einem weniger bekannten, aber mächtigen Magier begleitet. Diesen gelingt es die Gehemnisse, das was das Wesen eines Hexers ausmacht, zu stehlen. Im Folgenden teilen sich die Bewohner der Hexerfeste auf und machen sich quer verstreut auf die Suche nach den Hintermännern. Diese gestaltet sich vielleicht linearer als ein 'Oblivion' und bietet keine derart freie und erkundbare Welt. Doch ist sie damit a) um einiges besser ausgearbeitet und verliert sich nicht in Belanglosigkeiten und b) immer noch groß genug. Auch die Nebenquests bieten neben klassischen Tötungsaufträgen von Monstern und Botengängen, auch interessante Unterhaltung. Diese dient hier vor allen Dingen, um die Spielwelt näher kennenzulernen.

Diese, von der man genug, aber eben noch nicht alles entdeckt (vieles wird in mitnehmbaren Büchern beschrieben), basiert auf den Romanen und Kurzgeschichten des Andrej Sapkowski. Daher sind eben diese Dinge wie der Furchtbringer ein bisschen was anderes als die üblichen Ork-Armeen, die es aufzuhalten gilt. Allzu neu erfindet 'The Witcher' das Rad auch nicht, doch fühlt man sich in der düster angehauchten Spielwelt gleich sehr wohl. Atmosphäre, Charaktere und Sprache erinnern besonders anfangs an die ersten beiden Gothic-Teile. Es macht einfach Spaß sich mit den Straßen der großen Stadt Wyzima oder den gefährlichen Pfaden der Sümpfe vertraut zu machen und seine Bewohner kennenzulernen - wenn man die Steuerung denn beherrscht.
Für viele ist diese einer der Hauptkritikpunkte des Spiels. Insgesamt gibt es 3 (eigentlich 2 1/2 ;) Möglichkeiten das Spiel zu steuern: Aus der Schulterperspektive und der Isometrie-Ansicht, wobei letztere eben eher nah an Geralt oder weiter entfernt hängt. Grundsätzlich ist die Iso-Perspektive zu empfehlen. Dann steuert sich das Spiel wie Diablo oder Neverwinter Nights. Mit einem Klicken vollführt Geralt die jeweilige Aktion. Doppelklicks für Sprünge, drei verschiedene Kampfstile, Tränke und Bobmen, Laufen und sogenannte Zeichen, die als Zauberersatz fungieren, gestalten die Kämpfe recht spannend. In der Schulterperspektive habe ich das Spiel aber selbst nicht gespielt - die Steuerung war mir zu haklig, der Bildausschnitt zu klein und die Mausbewegungen zu sensibel.
Gerade Einsteiger kann dies zu Anfang alles sehr überfordern. Zwar dient der erwähnte Prolog gleichzeitig als Tutorial, doch wird man sich viele Sachen erst später mit einem Aha-Effekt erschließen. Die drei Schwierigkeitsgrade sind alle in Ordnung. Ich persönlich ärgere mich auf 'Mittel' gespielt zu haben, da das Spiel dort mit fortschreitender Spieldauer leichter wird und nur noch einige Bosskämpfe Herausforderung bieten. Auf 'Schwer', der höchsten Stufe, soll das Spiel jedoch wirklich gute Herausforderung bieten, habe ich mir sagen lassen. Dann macht es auch Spaß die vielen Möglichkeiten, die Geralt zur Verfügung stehen, zur Fülle auszureizen. Später kann man sein Hexerschwert (effektiv gegen humanoide Gegner) und Silberschwert (gegen Monster) noch verbessern lassen und drei Rüstungen erlangen. Handel und Aufwertungen spielen jedoch eine eher untergeordnete Rolle, was sammeltriebigen Spielern nicht sonderlich entgegenkommen dürfte. Dafür kann man im Bereich der Tränke und Bomben allerlei Zeug herstellen.
Die Charakterentwicklung ist solide. Geralt kann neben Attributen wie z.B. 'Stärke' und 'Ausdauer' auch noch seine Kampfstile und die erwähnten Zeichen verbessern. Diese gewähren dann bessere Chancen auf Treffer oder Schaden. Die einzelnen Skillbäume sind weit verzweigt, im Endeffekt benötigt es aber keine bestimmte Ausbildung, um das Spiel erfolgreich zu beenden. Mit der Zeit lernt man auch fast alle Fertigkeiten.

Das Spiel ist definitv eine Kaufempfehlung. Nur Einsteiger sollten sich vielleicht die Zeit nehmen sich mit Steuerung und allem drumherum vertraut zu machen.
Einige Worte noch zur Altersbeschränkung: Vielerorts wird 'The Witcher' als 'Erwachsenenspiel' beschrieben, was in meinen Augen aber nur teilweise zutrifft. Die Welt ist wie gesagt dreckig & düster, die Kämpfe blutig. Auch kann der Hexer mit zahlreichen Frauen ins Bettchen hüpfen und mit einer von zwei möglichen Charakteren der Haupthandlung eine Romanze beginnen. Man mag den Eindruck haben, dass dies dumpf wirkt, doch schlechter als in anderen Titeln wirkt das ganze bei weitem nicht. Viel mehr ist es so, dass die Bezeichnung 'Erwachsenenspiel' nicht nur für derbere Wortwahl, Blut und Sex stehen sollte, zumal 'The Witcher' besonders bei ersterem und letzterem gegen Ende doch eher einen langsameren Gang einlegt. Nein, ein 'Erwachsenenspiel' ist meiner bescheidenen Meinung eher so etwas wie der Klassiker 'Planescape: Torment' aus dem Jahre 1998, der sich mit philosophischen Themen auseinandersetzt.

Dann noch abschließend zu meiner Wertung von 8/10:
Der letzte Patch (1.2) hat viele Schwächen des Spiels ausgebügelt. Besonders die langen Ladezeiten fallen nun als Kritikpunkt komplett raus. In meinen Augen liegen der größte Kritikpunkt an der geringen Einsteigerfreundlichkeit, was sich in erster Linie auf die Steuerung niederschlägt. Doch daran gewöhnt man sich. Selbiges gilt für die Sprachausgabe. Auch hier macht 'The Witcher' vieles nicht so schlecht wie andere Titel, aber über den Durchschnitt kommt es leider nicht hinaus. Viele Sprecher scheinen auch nur einzelne Abschnitte und nicht im ganzen aufgenommen haben. So sind manche Sätze einfach schlichtweg falsch betont und kommen im Kontext dann anders rüber. Die Stärke eines (deutschen) Jon Irenics aus 'Baldur's Gate 2' erreicht der Oberbösewicht hier jedenfalls nicht.
Auch kleinere Logikfehler in der Story werden besonders im 2. Akt zu Tage treten. Diese sind nicht aber nicht weiter wild. Ein wenig enttäuschender ist dann das Ende. Dieses wurde zwar gut ausgearbeitet und kommt nicht in 5 Minuten zu Tage, doch lässt es einfach viele Fragen unbeantwortet. Hier lässt sich stark vermuten, dass Entwickler CD Projekt sich Wege für eine Fortsetzung offenhält. Jedoch besonders im Hinblick auf die Romanze scheint der Schnitt hier und da doch auf ein gedrängtes Release hinzudeuten. Entsprechendes gab es mal seitens der Entwickler zu lesen.

Fazit:
Die Stärken überwiegen dennoch. 'The Witcher' macht als Rollenspiel wieder das, was man vor gut 4/5 Jahren noch als Standard gewohnt war ohne sich mit abertausenden Quests und vielen, aber unähnlichen Städten aufzuhalten. Weniger ist eben manchmal mehr.

8/10

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