Freitag, 11. Januar 2008

Test: Die Gilde 2

Unübersichtlicher Nachfolger mit Mängeln in der Bedienung und anderem

Hier wie angekündigt der Test zum Nachfolger von 'Die Gilde: Handel, Habsucht & Intrigen'. Im Jahr 2006 haben die Entwickler von 4Head-Studios den Nachfolger der recht speziellen und beliebten Handelssimulation des Mittelalters entworfen. Der Nachfolger erntete von den Spielern teilweise vernichtende Kritik. Gerade zum Release quoll das Spiel nur über vor Bugs und bescherte zahllose Spielabstürze. Damit war das Spiel, welches nun auch gleich noch international erschien, verpönt. Nach diversen Patches ist das Spiel ab Version 1.2 bei den meisten Leuten frei spielbar. Warum der Nachfolger trotzdem hinter dem Erstling zurückbleibt, gibts nun zu lesen.

Im Grundprinzip funktioniert Teil 2 genauso wie der Vorgänger: Die eigene Dynastie soll mittels (spät)mittelalterlichen Betrieben aufleben. Wieder gibt es Handwerker und Gauner. Die bei Gilde-Profis beliebten Spezialberufe Geldleiher und Fernhändler fallen weg. Letztere braucht es aber auch gar nicht mehr, da man nun statt einer einzigen nun gleich drei Städte von ganz unterschiedlicher Größe bevölkern kann.
Damit beginnt, zumindest meiner bescheidenen Ansicht nach, schon die Serie der Mängel. Es ist nicht so, dass die Städte nicht ähnlichen Gemütlichkeitsfaktor wie Teil 1 hätten, auch wenn die Innengebiete alle nicht die Klasse des Vorgängers erreichen. Die Unübersichtlichkeit zwischen den vielen Figuren aber nimmt einem vielleicht nicht zu Anfang, jedoch später den Nerv, da ist es dann einfach notwendig mehrere Betriebe in den einzelnen Städten zu besitzen. Weil sich aber auch die KI kaum verbessert hat (die Meister, die den eigenen Betrieb selbst leiten sind nutzlos wie eh und je), und auf die Automatik des Computers nun noch mehr angewiesen hat, gerät die Wuselei zu (großem) Stress. Hier muss man die Zeit später fast immer auf ganz langsam stellen, um wirklich hinterherzukommen, wie man es vom ersten Teil gewöhnt war. Dort mochte es manchmal sogar eine Spur zu entspannt zu gehen, doch mir persönlich war das lieber als diese Aufregung.
Wie sich also erkennen lässt, gehen die Probleme damit Hand in Hand. Teil 2 besitzt zwar enorm gute Ansätze und Verbesserungen, doch wird das bei der Umsetzung an manchen Stellen einfach zu viel. Desöfteren verliert man auch die Übersichtlichkeit. Nun tummeln sich viel mehr Figuren auf der Karte, wodurch die Welt um einiges lebendiger und schöner wirkt. Im erweiterten Journal tauchen jedoch so viele unwichtige Figur für die eigene Sippe auf, dass man viel zu sehr mit dem Suchen von Freunden & Feinden beschäftigt ist. Wieder ein Punkt auf der Liste "Unübersichtlichkeit & verpatzte Intrigen".

Vielleicht ein wenig aufgrund des Trendes Rollenspielelemente einzubauen, hat sich auch 'Die Gilde 2' in diese Richtung entwickelt. Völlig neu sind die sichtbaren Figuren. Während man den eigenen Spielcharakter in Teil 1 nur bei wichtigen Sitzungen gesehen hat und Maßnahmen wie die Spionage von unbekannten Leuten erfüllt wurden, gibt es nun jede wichtige Person zu sehen und entsprechend zu steuern. Dies sind zum einen die eigenen Familienmitglieder, als auch die Schergen. Die Angestellten der Betriebe werden nur bei den Dieben und Räubern per Hand losgeschickt, beispielsweise um an einem Ort als Taschendieb zu arbeiten oder an einer Straße auf der Lauer zu liegen. Wenn man nun selbst immer schauen kann, was die eigenen Leute machen, hat das irgendwo natürlich viel mehr Stil als im Erstling. Aber auch das ist ein Punkt auf der ellenlangen Liste der zu erledigenden Tätigkeiten. Hinzu kommt auch noch, dass die Steuerung der Figuren sehr hakelig vonstatten geht und dieser desöfteren nicht das machen, was sie sollen. Besonders bei Räubern und Dieben kann es schonmal zum Wutausbruch führen, wenn diese gerade abgemurkst wurden, man neue einstellen muss, aber im Hintergrund wieder tausend andere wichtige Sachen zu bearbeiten sind. Oft finden die Figuren auch einfach den Weg über die langen Karten nicht oder der gesuchte NPC steckt in einem Gebäude, dass nicht betreten werden kann. Das Spiel macht hier auch keine Meldung. Man kann sich vorstellen wie kontraproduktiv es ist inmitten von tausender wuselnder Figuren und einem überquellenden Tagebuch voller Leute die zu 60% unwichtig sind, zu erkennen wie der Scherge, der einen Feind ausspionieren soll, den Weg nicht findet - der eine Scherge wohlgemerkt. Was dasselbe für nochmal 2-4 andere Helfer + eventuelle Mitarbeiter + eigene Spielfiguren bedeutet, dürfte denkbar sein. Wenn diese übrigens nichtmal irgendwo festhängen, kann es gut sein das diese von irgendeinem Räuber/Feind abgemurkst werden. Das kann auch den Hauptcharakteren passieren.

Insgesamt kann man bis zu drei Mitglieder in seine Gruppe aufnehmen und je nach Wohnsitz unterschiedlich viele Schergen anstellen. Diese erfüllen verschiedenste Aufgaben wie die Spionage, Wache an einem Gebäude oder Begleitschutz für die drei Primärfiguren. Mittels automatisch gewonnener Erfahrungspunkte, steigen diese automatisch auf. Es lohnt sich also auf bestimmte Figuren besonders aufzupassen.
Bei den drei Familienmitgliedern kann man mehr bestimmen. Zwar gibt es noch die bekannten Talente und die Berufe (die sich nun in übergeordnete Klassen einteilen. Patrone sind beispielsweise Landwirte wie Bäcker), doch baut man die Figur nun nicht mehr mittels Aktionspunkten, sondern mithilfe der gesammelten Erfahrung aus. Das bedeutet zwar ebenfalls teilweise mehr Hektik wenn man das noch für 3 Personen gleichzeitig erledigen soll, ist aber rein von der Sache her ein enormer Fortschritt und ein großer Pluspunkt. So muss man überlegen: Setze ich die gewonnene Erfahrung nun für eine höhere Betriebsstufe ein? Oder benutze ich sie, um meine eigene Figur für das nächste Duell zu stärken? So kann man die verschiedensten Entscheidungen nun wesentlich kurzfristiger treffen und sich damit fintenreicher auf etwaige Situationen vorbereiten. Gewinnen tut man die Erfahrungspunkte bei allen Aktionen (z.B. Benutzen von Gegenständen, Bestechen, aber auch dem Becircen späterer Ehepartner) oder einer Trainingsaktion im eigenen Heim. Paradoxerweise war es zumindest in den Grundversionen (und mit den ersten Patches) so, quasi lächerlich wenig bis einen einzigen EP für das direkte, eigene Mitarbeiten im Betrieb bekommen zu haben. Dies soll sich mit dem Add-on aber geändert haben und stellt eine nützliche Verbesserung da. Die eigenen Spielfiguren halten sich nämlich nicht an Arbeitszeiten und können in den Stuben selbst aushelfen.
Einen leider zu wichtigen Teil im Rollenspielpart nimmt die Werbung des späteren Lebenspartners ein, der für das Fortbestehen der Dynastie immer noch hohe Priorität einnimmt. Die eigene Figur hat hier verschiedenste Auswahl: Flirten, Geschenke machen, einladen usw. Bei den ersten Malen macht es noch Spaß das alles auszuprobieren, dann wird es aber ätzend und eine weitere Last. Mir hat der "Heiratsvermittler" im 1. Teil wesentlich besser gefallen.
Zusammenfassend lässt sich definitv nicht in Abrede stellen wie gut die Ansätze in all diesen Neuerungen sind und es auch eine gar nicht mal so verkehrte Entwicklung für das Spiel ist. Wäre da nur nicht die Sache mit der Bedienung im verwuselten Mittelalter...

Weitere Neuerungen gibt es auch im Bereich der Politik und vor dem Gericht. Beide Dinge sind wesentlich wichtiger geworden, auch wenn die Politik beispielsweise immer nur Privilegien, aber keine Pflichten mit sich bringt. Spontan fallen mir neben den Folterknechten auch nur noch die Stadtwachen ein, die man kontrollieren und auf Streife schicken kann/muss. Nützlich für die Diebe, die sich Einbrüche so um ein vielfaches vereinfachen können. Doch auch das bedeutet letztendlich eine ungeheuere Anzahl von Figuren, die mehr zu kontrollieren sind.
Die in Ämtern Maßnahmen sind jedoch manchmal noch nützlicher als in Teil 1, je nachdem welches Amt man bekleidet. Auch die Amtswahl gestaltet sich nun flexibler: Das einfache Abstimmsystem bleibt, jedoch kann man unmittelbar vor der Sitzung und auch noch kurz vor der Abstimmung mit Bestechungen, Komplimenten und Drohungen arbeiten.
Das Gericht scheint, unabhängig von der Härte der Rechtssprechung, allgemein strenger geworden zu sein und dient somit als nützliches Mittel Konkurrenten auszuschalten. Auftragsmorde kann man in 'Die Gilde 2' nun auch begehen, doch bringt einem eine solche Anklage auch schonmal in Teufels Küche. Wie auch bei der Amtssitzung kann man mit den entsprechenden Maßnahmen arbeiten. Dummerweise, und ich frage mich langsam ob das wirklich noch Zufall ist, fallen unglaublich viele Gerichtssitzungen ins Wasser. Manchmal ist wer nicht erschienen (und somit vogelfrei, was aber für die KI selten von Belang ist) oder der Angeklagte/Kläger/Richter verstorben. Aufgrund einer Liste, die nur eine bestimmte Anzahl von Anklagen in der jeweiligen Runde ermöglicht, sowie der langen Wartezeit, sorgt auch das für den einen oder anderen Aufreger, wenn eine langgeplante Intrige ins Wasser fällt. Einmal - ok, so ist das virtuelle Leben. Aber viel zu oft fragt man sich: Warum passiert das gerade mir?

Der Multiplayermodus von 'Die Gilde 2' ist diesmal auch internetfähig. An der Faustregel hat sich nichts geändert: Ohne die ollen KI-Gegner (bzw. im Hintergrund agierende)
 macht das Ganze um ein vielfaches mehr Spaß. Trotz der Patches gibt es jedoch immer noch diverse Abstürze. Hier läuft das Spiel auch nicht so stabil wie in einer einzelnen Partie. Weil Entwickler 4Head sich von JoWood getrennt hat, darf man leider auch keine helfenden Patches mehr erwarten.
Für 'Die Gilde 2' gibt es jedoch zumindest einige Modentwickler und sowieso viele kleine Tipps & Tricks mit simplen Dateiveränderungen, die das Spielen angenehmer machen (z.B. den Schaden beim Attackieren eines fremden Gebäudes erhöhen).

Fazit:
Es stimmt einen schon ein wenig traurig, dass 'Die Gilde 2' nicht so ein tolles Spiel geworden ist, auch wenn der Charme des Spiels immer noch durchkommt (z.B. selber Berater-Sprecher). Klammert man die ganzen Bugs und das teilweise instabile Verhalten mal aus, bleiben zwar sehr gute Ideen, aber ein unglaubliches Gewusel, so viel unnötiges zu tun & eine umständliche Figurenhandhabung mit mieser KI. Wie z.B. die Werbung um den Partner hätte man vieles hier ruhig automatisiert lassen können, um dem Spieler Last zu nehmen. So muss man Hotkeys auswendig lernen, um ein einigermaßen angenehmes Spiel zu erhalten, was meiner Meinung nach nicht akzeptabel ist. Der Schritt in Richtung Rollenspiel lenkt einfach zu sehr von der eigenen Wirtschaftssimulation ab und macht viele der neuen Features auch zu simpel und trivial: Vier verschiedene Flirtoptionen sehen gut aus, will man aber gar nicht haben, da die Turtelei auf Dauer einfach nervt.
Das Add-on 'Seeräuber der Hanse' habe ich nicht in die Bewertung mit einbezogen, da ich es noch nicht gespielt habe und angesichts der Qualität des Hauptprogramms wohl nur maximal austesten werde. Dessen Konzept ähnelt dem zu Teil 1, nämlich viele Erweiterungen zu bieten. Ganz neu sind dort aber die Häfen und das miteinbeziehen des Wassers. Ein entsprechender Test folgt also evtl. später.
Letztendlich vergebe ich die durchschnittliche Wertung für das Spiel, weil 'Die Gilde 2' vieles neues versucht hat, aber nur halbherzig umgesetzt wurde und teilweise für Rückschritte gesorgt hat. Auch die Unübersichtlichkeit ist ein großes Manko. Über bleibt die Frage, ob eine weniger vorschnelle Veröffentlichung des Spiels damals nicht noch für mehr Feintuning und besseres Spielgefühl gesorgt hätte, da es mich immer ein wenig ärgert, wenn ich den 1. Teil zum spielen starte, nicht die tollen Möglichkeiten des Zweitlings zu haben.


5/10

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