Donnerstag, 10. Januar 2008

Test: Die Gilde (+ Add-on)

Charmante Wirtschaftssimulation mit versteckten Schwächen

Eines meiner persönlichen Lieblingsspiele ist 'Die Gilde: Handel, Habsucht und Intrigen'. Nachdem der Nachfolger mitsamt Addons mir zu sehr in Richtung "Rollenspiel" abgedriftet ist (was ich bewusst in Anführungsstriche setze. Doch das muss der Test zum 2. Teil dann näher erläutern ;)) und unübersichtlich wurde, halte ich Teil 1 mitsamt dem Add-on (Untertitel: "Gaukler, Gruften & Geschütze") für eine bessere Alternative. Denn 'Die Gilde' besitzt einen ganz eigenen Charme, welcher über einige Mängel hinwegtröstet.

Sieht man sich heutzutage Bilder des Spiels (Erscheinungsdatum: 2002) an, so stören vor allem die kantigen Figuren und nicht gerade die Schönheit der Stadt im Mittelalter, die der Spieler "unsicher machen" soll. Besonders in der Winterjahreszeit sieht die Spielwelt zwar noch ein bisschen besser aus, doch einen Blumentopf in dieser Disziplin hat 'Die Gilde' nie gewonnen. Sehr schön geraten sind jedoch die hübschen und unglaublich gemütlichen Innengebiete der entsprechenden Gebäude. Auch daraus zieht das Spiel eine gehörige Portion seines Charmes.
Für Wirtschaftssimulationen ist dies alles aber eigentlich auch nicht sonderlich interessant. Viel mehr kommt es natürlich auf den spielerischen Kern und die Möglichkeiten an sein eigenes Wirtschaftsimperium aufzubauen. 'Die Gilde' wird desöfteren als Quasi-Nachfolger zu 'Die Fugger II' beschrieben. Da ich das nicht gespielt habe, kann ich nicht auf dessen mögliche Komplexität eingehen. Nach außen hin, und auch besonders am Anfang, scheint es ungeheuer viele Möglichkeiten zu geben. In Wirklichkeit sind jedoch viele andere Spiele des Genres wesentlich komplexer bzw. damit auch komplizierter.

Bevor das eigentliche Spiel beginnt, wählt man die jeweilige Stadt aus in der die virtuelle Familie unterkommen soll. Hierbei handelt es sich ausschließlich um deutsche Städte, die im Mittelalter Bedeutung besaßen, wie z.B. Dresden oder Hannover. Durch das Add-on kam auch noch die Kaiserstadt Nürnberg hinzu, die besonders groß ist. Die jeweiligen Städte können mitsamt historischen Nachrichten gespielt werden, die sich natürlich auf das Mittelalter ab 1400 beziehen. Diese werden zum Beginn und Ende einer Spielrunde eingeblendet. Ebenfalls wählbar sind spezielle Spielaufträge oder eben ein freies Spiel. Der Sprecher, der diese Aufträge vorträgt, berät ein das ganze Spiel übers Off. Auch das ist ein besonders liebevolles Detail. Hier entscheidet sich jedoch schon bei manchen Leuten, ob ihnen der Gute auf den Geist geht - und sie das Spiel dann aus der Hand legen.
Nach dieser Auswahl wählt man Vor- und Zuname des eigenen Spielcharakters, dessen Glauben und evtl. den Stammbaum. Dem Rollenspiel ist das gar nicht mal so fern: Man kann hier verschiedene Talente steigern, die im Spielverlauf je nach Berufsart nützlich sein werden. Diese wird anschließend ausgewählt. Hierbei bietet 'Die Gilde' eine Menge Auswahl, zumal im späteren Verlauf des Spiels mit dem Geldleiher und dem Gardisten noch mehr hinzukommt. Grob kann man aber sagen, dass sich die Berufe in drei große Gruppen einteilen lassen: Handwerker (z.B. Steinmetze, Schmiede, Tischler, aber auch der Schneider aus dem Add-on oder die mystisch angehauchten Klassen wie der Alchemist oder der Prediger mit seiner Kirche), Söldner (Räuber, Gardisten und Diebe) und die zwei Spezialberufe (Geldleiher & Fernhändler). Besonders zwischen den "echten" Handwerkern und den Mystikern bestehen dann einige Unterschiede. Diese haben es aber trotzdem gemein Waren zu produzieren und diese zu verkaufen, während Söldner mehr Dienstleister sind.

Die Benutzeroberfläche gestaltet sich einem Strategiespiel ähnlich. Man kann den Markt oder die einzelnen Gebäude der Stadt besuchen. Öffentliche, wie das Rathaus oder die Kirche, oder natürlich den eigenen Betrieb und das Wohnhaus. In diesen spielt sich dann aber das eigene Geschehen ab. Angesichts der genannten Berufe (bzw. der Berufsklassen) wäre es nun zu aufwendig den Arbeitsalltag zu schildern. Das Anstellen von Angestellten aber haben alle Betriebe bis auf die Spezialberufe gemeinsam. Diese gehen dann entweder auf Raub-/Wachzug oder sammeln Rohstoffe mit denen dann die eigentlichen Güter auf dem Markt oder sehr selten direkt an andere Betriebe verkauft werden. Jeder Betrieb kann erweitert und aufgewertet werden. Dazu bedarf es jedoch höherer Meistertitel.
Damit zurück zum Rollenspielteil: Mithilfe sogenannter Aktionspunkte kann man die eigene Spielfigur entweder in den besagten Talenten verbessern, um sich Vorteile für den Arbeitsalltag zu erhaschen oder aber zu bestimmten Zeiten einen höheren Meistertitel zu erwerben. Dies ist jedoch nur eine von vielen Verwendungsmöglichkeiten für die Aktionspunkte, kurz APs genannt. Sie stellen das A und O des erfolgreichen Weiterkommens dar. So kann man damit später in der Politik (z.B. Steuersätze bestimmen) noch eine Menge anrichten, spezielle Aktionen in seinen Betrieben ausführen (z.B. die Predigt in der eigenen Kirche) oder gegnerische Dynastien mit intriganten Mitteln bekämpfen (z.B. Pramphlete am schwarzen Brett, um ihr Ansehen einzudämmen).
Die zuvor erwähnte Politik ist ein weiteres Betätigungsfeld. Nachdem man automatisch später das Bürgerrecht erlangt (darauf folgen später auch noch Titel wie Patrizier oder Fürst), kann man sich auf politische Ämter bewerben und von ganz unten angefangen, als einfacher Stadtdiener oder Nachtwächter, bis zur Reichsebene hinaufkämpfen. Dies erfolgt die Gunst der Vorgesetzten, die einen dann in Amtswahlen auf den jeweiligen Posten bugsieren. Um jene Gunst zu heben helfen entweder Bestechungen oder diverse Gegenstände, die man als Spielfigur auch selbst benutzen kann. Diese sind mit interessanten Beschreibungen versehen und bieten eine Vielzahl von Möglichkeiten. Auch sind sie alle sehr unterschiedlich. Viele heben wie erwähnt die Gunst, helfen aber auch bei Duellen mit anderen Spielcharakteren oder dienen als Ausrüstung für die kämpferischen Berufe.
Das Spiel läuft in Runden ab. Zum Ende der Runde wird Bilanz gezogen. Beim Beginn der neuen dann erfolgen neue historische Nachrichten, die AP-Anzahl und eine Angabe über die Arbeitsdauer der Angestellten. Eine Runde stellt 1 Jahr in der jeweiligen Jahreszeit dar und symbolisiert einen Tag, von 6-23 Uhr. Im Winter arbeiten die Angestellten beispielsweise weniger als im Sommer und auch Transporte dauern manchmal länger. Großen Unterschied, bis auf die Optik, machen die Jahreszeiten allerdings nicht.
Irgendwann kommt es dann soweit, dass die eigene Spielfigur stirbt. Bis dahin sollte man sich also auf Brautschau begeben haben (was bequem per Anweisung im Menü geschieht) und für Nachwuchs gesorgt haben, den man wiederum schon zuvor mittels Gegenständen, Berufsausbildung, Studium und Geldgeschenken zum Schutz gegen die mächtige Erbschaftssteuer schützen kann.

Viel Text und alles klingt möglicherweise ungeheuer aufregend. Irgendwann kommt man jedoch dahinter, dass sich viele der Möglichkeiten (gerade in der Gegnerbekämpfung um wieder ein Beispiel zu nennen) ähneln und auch angesichts der eher schwachen KI der Feinde wenig bringen. Doch man verzeiht 'Der Gilde' das, da hier immer noch der Charme wirkt. Ein wunderbarer Soundtrack, kleine Details, passende Gesänge, gute Sprecher und entsprechender Sprach- und Schreibstil. Wenn der eigene Berater dann die einfache Meldung "Einer eurer Umlandstransporte hat eine Mine erreicht!" so schön betont, vergisst man das alles schnell wieder. Auch der Verkauf von Waren ist recht simpel: Man passt eine gute Preislage ab und verkauft dann. Mit den zahlreichen und schön erdachten Waren aber auch hier einfach nett.
Das Spiel verfügt auch über einen Multiplayermodus. Nach all den Patches funktioniert dieser auch ganz gut, wenn ich auch zugeben muss dort bisher sehr wenig gespielt zu haben. Sich mit den Dynastien aus Spielerhand jedoch gegenseitig bekriegen zu können, macht einen Mordsgaudi. Dann sind viele der Funktionen auch besonders nützlich und 'Die Gilde' wird um einiges taktischer. Leider ist der Multiplayermodus von Teil 1 nur LAN-fähig, was vielen interessierten Partien einen Riegel vorschieben dürfte.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Add-on:
Ich habe dieses in den Test gleich mit einfließen lassen, da dieses zwar viele Erweiterungen bietet, jedoch kaum Neuerungen. Die drei Berufe beispielsweise sind Abbilder jener aus dem Hauptspiel, nicht ohne jedoch ebenfalls eine gute Figur zu machen. Die Zweitwohnsitze (Landsitz, der erweiterbar zu Burg & Schloss ist) dienen als Lager, Orte für besonders harte Hinterhältigkeiten oder Stube eines Zauberers, der besondere Gegenstände herstellt. Im Feld der Politik kam die Reichsebene hinzu, wodurch man also noch höher aufsteigen kann.
Diese Erweiterungen möchte man natürlich allesamt nicht missen. Wenn man es recht bedenkt, hätte man mit dem Add-on viel eher die grundlegenden Dinge des Hauptspiels ausbauen sollen. Die Amtssitzungen beispielsweise hätten schon damals die erweiterten Möglichkeiten aus Teil 2 beinhalten können. Auch die Ämter sollten nicht einfach nur Privilegien und zusätzliches Geld bedeuten, sondern den Spieler fordern. Und am meisten hätte
 die KI eine Frischzellenkur verdient, auch wenn diese mit den Patches schon verbessert wurde.

Fazit:
Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass 'Die Gilde' eines der Spiele ist, die man entweder lieben oder hassen wird. Der schwarze Humor des Spiels ist wahrlich nicht jedermanns Sache. Die Atmosphäre hat mir persönlich jedoch supergut gefallen und war der Grund mich an den Bildschirm zu fesseln. Die gute Verkleidung ist das Spiel allemal wert, auch wenn die Möglichkeiten des Gameplays. Wirtschaftsmeister nicht hinter dem Ofen hervorlocken werden.
'Die Gilde' kann man als Goldedition (Hauptspiel + Add-on) in diversen Multimedia-Märkten billig erwerben. Ich empfehle den Erstling deutlich gegenüber seinem Nachfolger.



7/10

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