Seit jeher erfreuen sich Rollenspiele der Produktion von Nachfolger und hat dabei große Reihen erschaffen. Darunter fallen beispielsweise alte Klassikerreihen wie Ultima, Wizardy, Lands of Lore und Might & Magic. Der Nachfolger von 'Baldur's Gate', dem Wiedererwecker des Rollenspielgenres, ist ein Fest für sich: Wo der Vorgänger schon ausgezeichnet das Fundament setzte, baut 'Baldur's Gate 2: Schatten von Amn' auf. Im Detail beschreitet BG2 sogar andere Wege als sein Vorgänger.
BG2 fiel es im Jahre 2000 um einiges leichter an Teil 1 anzuknüpfen, da wie zumeist heutiger Zeit keine neue Grafikengine verwendet wurde, sondern man die des Vorgängers verbesserte. Ein Haufen neuer Musikstücke wurde ebenfalls eingespielt. Ähnliches betraf später Kotor 1+2 wie Usul jüngst in seinen Tests darlegte. BG2 jedoch wird bei den meisten Fans als das herausragenste Kapitel angesehen, obwohl das Spiel erstmal gar nicht soviel anders wirkt.
Die Story (wer das ganze noch nicht kennt sollte den Absatz überspringen) schließt ungefähr mehrere Wochen nach dem Ende von BG1 an. Unser Hauptcharakter, der herausgefunden eines der Kinder Bhaals, des toten Mordgottes, zu sein hat seinen Halbbruder Sarevok (ebenfalls Bhaalkind) besiegt und die Schwertküste samt Baldur's Tor vor dessen wahnwitzigen Plan gerettet die Gegend ins Chaos mit einem blutigen Krieg gegen den südlichen Nachbarn Amn zu stürzen. Eine schicke Introsequenz erzählt dann jedoch im Eilflug von unbekannten Entführern und man erwacht im Kerker eines wahnsinnigen Magiers, der später als Jon Irenicus bekannt sein wird. Wer dieser ist und was er eigentlich von einem will, bleibt lange Zeit im Unklaren. Er weiß jedoch von dem Geheimnis unseres Bhaalkindes und stellt Experimente an, um diese Kräfte eben offenzulegen. Bevor es jedoch zu tiefgreifenden Folterungen kommt, wird der Kerker von einer unbekannten Bande angegriffen. Der Peiniger zieht von dannen und unsere alte Freundin Imoen befreit uns. Mitsamt der zwei anderen Gefährten Jaheira und Minsk, die ebenfalls noch aus BG1 bekannt sind, geht es dann auf die Flucht.
Bevor man sich in diesen wesentlich intensiveren Start als gegenüber Teil 1 begeben hat, kann man noch ein Tutorial spielen, welches jedoch nichts mit dem eigentlichen Spiel zu tun hat. Dann geht es an die Charaktererschaffung - oder das Importieren. Auch wenn das D&D-Regelwerk nun als Mixtur mit der 3. Edition auftritt (u.a. das Verwenden von zwei Waffen), ist es möglich den Charakter aus dem 1. Teil zu importieren. Für die BG-Reihe macht das natürlich auch entsprechend Sinn, da man dort gegen Ende um die Stufe 7/8 (mit Addon 9/10) lag. Es ist jedoch ebenfalls möglich mit einem komplett neuen Charakter zu spielen, mit dem man dann auf der 7. Stufe beginnt. Auch wenn es nach einem Vorteil für alte Hasen aussieht, hält sich der Schwierigkeitsgrad, egal auf welcher Stufe, immer recht ausgewogen. Gegenstände können übrigens nicht importiert werden, was storytechnisch natürlich Sinn macht.
Auf der Flucht durch den Kerker denkt man sich erstmal: Alles beim alten. BG1-Kenner sind mit der Steuerung und dem Interface aus dem Vorgänger vertraut, wobei letzteres einem warmen Braunton gewichen ist und meiner Meinung nach auch deutlich schöner aussieht. Doch schon im Anfangsdungeon wird deutlich, dass BG2 sich, rein kartentechnisch, linearer gibt und auf mehr individuelle Schauplätze setzt. Das geht bei dem Erkunden des Startdungeons los (der übrigens allerhand Geheimnisse und erste magische Gegenstände bietet) und wird dann später in der Großstadt Atkatla des Reiches Amn, bekannt aus Teil 1, fortgesetzt. BG2 kann schon gut an die 120 Stunden (die oft angegebene Zahl von 200 halte ich für übertrieben) beschäftigen, konzentriert sich dabei aber auf besagte verschiedene Ort, die sich sehr von den oft ähnlichen Schauplätzen abheben. Da wäre beispielsweise eine überfallene Burg, eine mediterrane Handelsstadt, ein Tal in dem spukt und eine Pirateninsel. In alle Himmelsrichtungen zu reisen ist nun eigentlich nur noch in der Stadt drinnen. Die einzelnen ortschaften bereist man per Weltkarte. Diese neue Art des Erkundens wurde von einigen Fans nicht sonderlich gutgeheißen, funktioniert meiner Meinung aber ganz gut, da die Schauplätze auch eine angenehme Größe besitzen.
In dieser Welt nun ist man Neuling und kaum bekannt, auch wenn man natürlich alte Gesichter treffen wird. Das gilt sowohl für Freund, Feind und potenzielle Gruppenmitglieder. Mit den letzteren hat die BG-Reihe erneut einen Standard gesetzt. Vorher gab es lediglich 'Planescape: Torment' wo die Begleiter mehr waren als nur Kampfunterstützung. In BG2 aber werden die NPCs zu Freunden, Mitstreitern oder gar Liebespartnern. Diese sind nicht mit allen Entscheidungen einverstanden, besitzen lebendige Hintergrundgeschichten mitsamt dazugehörigen Nebenquests und streiten sich sogar untereinander. Im Fokus liegen natürlich die Romanzen. Für Männer gibt es 3 Damen zur Auswahl, als Frau darf man hingegen "nur" mit einem der unbeliebtesten NPCs (laut ranking ;) der Reihe rumschmachten und sich ab und an von einem schlitzohrigen Barden angraben lassen. Keine Frage, BG2 ist auf dem Gebiet spitze, doch nach unzähligen Patches gibt es desöfteren immer noch Probleme, beispielsweise in einer Romanze. Viele Unterbrechungen der Kameraden auf die man sich freut, sind ebenfalls zeitabhängig, weshalb es unter BG2-Kennern gängige Methode ist nicht auf die Pause zu drücken, während man Mittag essen geht. Diverse Mods im NPC-Bereich bringen jedoch nicht nicht nur Verbesserungen und Romanzen mit NPCs, die im Originalspiel gar nicht dazu "fähig" wären, sondern auch ganz neue Figuren. Insgesamt ist BG2 meiner Meinung nach noch immer die Referenz. Dabei wirken alle Figuren konsequent entwickelt. Nur Jan Jansen, der gnomische Magier/Dieb, ist aus meiner Sicht zu abgedreht und zieht das ganze etwas ins Lächerliche. Hier konnte das Klischee des ewig dummschwätzenden Gnoms/Halblings leider nicht überwunden werden.
Auch die anderen Figuren sind alle gut geraten. Jon Irenicus ist für mich der bis dato interessanteste Bösewicht, was nicht nur seinen relativ lange verborgenen Motiven und der damit verbundenen Geschichte liegt, sondern auch dem tollen Sprecher zu danken ist. Diebesgildenmeister Aran Linvail wirkt mit seiner edelmännischen Art vertrauensselig, auch wenn man erahnt wieviel dorthinter noch verborgen liegen muss. Und wer sich immer wieder an der Unpassenheit des 'Cools' von Verbindungsmann Gaelan Bayle aufgeilt, sollte auch hier Biowares Willen erkennen gute und ein prägsame Charaktere zu designen.
Kurz nach der Dungeonflucht wird man in eine ähnliche Handlungsfreiheit wie in BG1 entlassen ohne den roten Faden zu verlieren. Was das bedeutet, sollte man sich selbst erspielen. Fakt steht aber, dass wir 20000 Goldmünzen benötigen. Dafür kann und muss man diverse Aufträge erfüllen, die in und um Atkatla liegen. Diese Quests von unterschiedlicher Größe sind schon ein Schmankerl für sich und stehen weitestgehend außerhalb der Hauptgeschichte. Nachdem ich nun schon diverse Male BG2 gespielt habe, kann ich zurecht behaupten, dass diese Quests immer noch sehr gut sind und vieles heutzutage in den Schatten stellen. Jedoch bin ich mir auch einer gewissen überladenden Fülle bewusst geworden. So wirkt es stellenweise, ganz schön groß aufgetragen: Eine riesiger Sphärenkörper der sich zwischen die Slums der Stadt gedrückt hat, ein aufstrebender Kult in der Kanalisation, ein bestialischer Mörder, dazwischen Bandenkriege zwischen den Schmuggler- und Diebesgilden in Verwicklung mit der Hauptstory und noch Sklavenhändler.
Bei den erwähnten Diebesgilden wird der Spieler sich die Unterstützung einer Seite zusichern müssen. Wenn BG2 auch keine allzu große Entscheidungsfreiheit im Bezug zur Hauptstory bietet, so ist dies doch die größte, zusätzlich zu mehreren kleinen, aber feinen Entscheidungen. Viele Quests lassen sich nun auch mit gewaltfreien Methoden beenden, was oftmals auch mehr Erfahrungspunkte bringt (passt vom logischen her nicht sonderlich, mir gefallen alle kampffreien Alternativen). Ebenso kann man sich auch gut und böse benehmen, was aber nichts an der Jagd auf Irenicus ändern wird.
Trotz der erwähnten gewaltfreien Lösungen bringt man in BG2 wieder einen großen Haufen Feinde um die Ecke. Während sich die 'Icewind Dale'-Reihe eher die Schlachten gegen Gruppen auf die Fahnen schreibt, sind es in BG2 packende Einzelgefechte die es zu erledigen gilt. Im Vergleich zum Vorgänger fallen dort zwei neue "Arten" auf. Zum einen wären dies die Kämpfe gegen Magier, die sich hauptsächlich mit starken Schutzzaubern eindecken und erst gebannt werden müssen. Besonders starke Zauberwirker greifen auch großen Massenzaubern wie 'Abi Dalzims abscheuliche Austrockung' an, was ganz schön reinhaut. Die Betrachter (Maskottchen der 'Eye of Beholder'-Reihe und eines der D&D-Monster schlechthin) agieren da noch einen Zahn schärfer und ziehen viele Hitpoints mithilfe von üblen Fernattacken und manchmal sogar den lästigen Versteinerungen ab. Die wohl größte Herausforderung aber sind die Kämpfe gegen Drachen. Gut, es gibt dort viele Schummlereien (siehe Todeswolken-Tricks), doch
wer sich mit einem Haufen Schutzzauber, 'Hast' und mehreren beschworenen, ablenkenden Kreaturen eindeckt, wird gut zu tun haben. So wird man dann einen Haufen exotischer Schauplätze besuchen und packende Gefechte erleben. Später steigt man in hohe Stufen auf (bis an die Stufe 24) und erlebt (was ein Wunder bei den erwähnten Drachen ;) epische Gefechte. Damit entfernt sich BG2 vom "erfahrenen Söldner & Held der Region"-Charme des Erstlings, was aber nur konsequent anhand der Geschichte ist.
Auch das spielereigene Domizil wurde mit BG2 eingeführt. Je nach Klasse kann man z.B. eine eigene Burg beherbergen (Kämpfer, Barbaren, Mönche), als Waldläufer im Umartal angestellt werden oder als Barde das Theater in Atkatla übernehmen. Schurken leiten sogar eine eigene Diebesgilde, meiner Meinung nach das schönste Ding von allen. Diese Ortschaften bieten nicht nur Goldeinnahmen, sondern ebenfalls zusätzliche Quests und sorgen mit der schönen Atmosphäre zusätzlichen Verbund zur Spielwelt.
Multiplayerfähig ist BG2 wie auch sein Vorgänger. Der Host ist das Bhaalkind, bis zu fünf Kollegen übernehmen die Rolle eigens erstellter NPCs. Die unterbrechenden Dialoge wurden entfernt und nur noch die wichtigsten Konversationen unterbrechen für alle Leute das Spiel. Benutzbar ist der MP über LAN und Internet.
Ein Add-on gibt es zu BG2 ebenfalls, doch will ich für dieses beizeiten noch einen eigenen Test verfassen, da es wesentlich umfangreicher als das zu Teil 1 ist und auch die Hauptgeschichte fortführt.
Fazit:
Im Grunde genommen reicht es zu sagen: Was BG1 schon sehr gut gemacht hat, wird von BG2 noch getoppt und mit neuen Ideen wie den super NPCs oder dem eigenen Heim gekoppelt. BG2 bietet einfach soviele Einfälle, ist so atmosphärisch, motivierend und vor allen Dingen lang, dass man es einfach lieben muss. Somit ist BG2 zurecht Mainstream-König, erreicht aber trotz Dramatik und Spannung keine Tiefgründigkeit eines 'Planescape: Torment'.
10/10
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