GötterspeiseEs hätte nicht viel gefehlt und dieser ganze Test wäre an einem besonders fiesen Bug gescheitert, der das Spiel nach der ersten Reise auf der Weltkarte permanent abstürzen lässt - Problem auf offiziellen Foren bekannt und auch nur durch Trial und Error lösbar. Nachdem aber dieses erste unfreiwillige Abenteuer bestanden war, galt es das Schicksal des Spielers aus Neverwinter Nights 2 fortzusetzen, was dann übrigens auch relativ fehlerfrei klappte.
Hoffentlich hat man sich gebührend von Neverwinter verabschiedet, denn in "Mask of the Betrayer" geht es weit ins östliche Faerûn hinein. Im fernen Rashemen muss der Spielercharakter sich einem dunklen Fluch stellen, der ihm auf rästelhafte Weise auferlegt wurde und der ihn dazu verdammt die Essenz von Geistern zu verschlingen. Ganz ohne die Gefährten aus dem Hauptspiel gilt es, ausgehend von der Stadt Mulsantir, die Hintergründe des "Spirit Eaters" aufzudecken und sich auf diversen Realitätsebenen der Forgotten Realms zu tummeln.
Jedes weitere Wort über die Ereignisse der Kampagne würde einem das Vergnügen an dieser hervorragenden Geschichte verderben, deswegen sei an dieser Stelle nur gesagt, dass MotB eine der besten D&D Erzählungen seit langem liefert. Stellenweise mag es für D&D-Unkundige etwas viel werden - so viele Ebenen (in jeder Hinsicht) hat das Abenteuer des Helden von Neverwinter. Wer aber etwas im Logbuch recherchiert, kann sich schnell (wieder) in diese Welt einfinden. Anhängern von Planescape: Torment sei übrigens "Mask of the Betrayer" besonders ans Herz gelegt, weil hier dem Weltenwandler wieder reichlich Stoff geboten wird.
Doch nicht nur die Geschichte sondern auch die Möglichkeiten zum eigentlichen "Rollenspiel" sind ausgezeichnet gelungen. Die Erweiterung strotzt geradezu vor schweren Entscheidungen und moralischen Dilemmas die sich auf Gefährten und Geschichte gleichermaßen auswirken. Der eifrige Rollenspieler wird sich vielleicht auch mit dem einen oder anderen möglichen Epilog nicht zufrieden geben und versuchen seine Taten im nochmaligen Durchspielen anders zu gestalten, oder bislang übersehene Abschnitte aufzustöbern.
Neben der ausgezeichneten Story muss man an dieser Stelle auch auf ein paar (teilweise bekannte) Kritikpunkte der Neverwinter Nights 2 Erweiterung eingehen. Bereits am Anfang wurde der gemeine Bug beim Abschnittswechsel erwähnt, der bei mir auch im Verlauf des Spiels noch einmal in abgeschwächter Form vorkam. Abgesehen davon konnte ich jedoch keine Fehler, z.B. in der Quest-Logik, erkennen.
Die größte Schwäche wurde vom Hauptspiel geerbt und konnte leider immer noch nicht behoben werden: Stichwort "Kamera". Auch hier werden wieder zahlreiche Optionen für die Sicht auf das Spielfeld geboten. Entwickler Obsidian versucht irgendwo zwischen World of Warcraft (Character View) und Baldur's Gate (Strategy View) einen Kompromiss zu schließen und scheitert damit aber gnadenlos.
Ständig muss ich die Kamera neu einstellen, zoomen und wieder einstellen um dem Geschehen folgen zu können. Das ganze ist natürlich auch ein Überbleibsel aus Neverwinter Nights 1, denn hier konnte man keine Party kontrollieren sondern nur den eigenen Charakter, was dort auch gut funktionierte. Mit dem Übergang zur Party Kontrolle à la Baldur's Gate aber kam dieses System nicht mehr zurecht und bis jetzt gibt es noch keine Lösung dafür.
Nicht ganz unproblematisch ist schließlich noch die Einführung der Epic-Levels. D&D Freunde warteten natürlich auf diesen Zusatz zum Regelwerk, der Charactere über Level 20 aufsteigen lässt und diverse neue Talente für den Helden bietet. In der Praxis aber führt das dazu, dass bei den Kämpfen in MotB ein regelrechtes Chaos ausbricht. Im Prinzip wird bei Beginn eines Kampfes kurz pausiert, schnell auf alle möglichen Zaubersprüche geklickt und dann gewartet bis der ganze Bildschirm nur noch aus Wolken, Blitz und Donner besteht. Durch die geradezu aberwitzigen Fähigkeiten der Party-Mitglieder hat man aber nie wirkliche Probleme bei einer Konfrontation.
Fazit
Obwohl natürlich nicht alles an Mask of the Betrayer eine Eins mit Stern verdient hat, kann man ohne schlechtes Gewissen sagen, dass diese Erweiterung eines der besten Rollenspiele der letzten Jahre ist. Für Besitzer des Hauptspiels ist ein Kauf sowieso fast unumgänglich und für alle Anderen wäre jetzt eine gute Gelegenheit beides im Paket zu erwerben. Der ausgedehnte Ausflug nach Rashemen wird auf jeden Fall lange im Gedächtnis bleiben.
8/10


2 Kommentare:
MotB wollte ich auch immer mal spielen, aber ich hab selbst die NWN2-Kampagne immer noch nicht beendet. Dazu sollte es mal einen Test geben, hm...
Natürlich ist es schöner wenn man das Hauptspiel kennt aber im Journal wird alles ausgezeichnet zusammengefasst. Ich hatte auch nur noch wenig Erinnerungen an die NWN2 Story.
Ich entdecke momentan auch wieder die grandiosen User Module die es für NWN2 gibt. Schon damals hatte ich für den ersten Teil Gigabytes an Fan-Modulen die teilweise um Welten besser waren als das eigentliche Spiel.
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